Private Haushalte in der »Modernisierungsfalle«
»Privatistische Konsumorientierung« heißt - und das ist ein Argument für einen sinkenden Wohlfahrtswert erwerbsfreier Zeitkontingente - einen enger gewordenen Anschluß der Haushalte an Arbeits- wie Güter-/Dienstleistungsmärkte. Der mit steigendem Realeinkommen erweiterte Zugang zu Güter- und Leistungsangeboten des Marktes verdrängte traditionelle Eigenproduktionen des Haushalts, und die Haushaltsarbeit wurde zunehmend Konsumarbeit in dem Sinne, daß sie sich auf das »Konsummanagement« (Vorbereitung und Abwicklung von Kaufentscheidungen) sowie auf die »Endstufe« der Bearbeitung von Konsumgütern für den Akt des unmittelbaren Ver- oder Gebrauchens konzentrierte. Dieser Funktionseinschränkung der Haushalte auf den privaten (Freizeit-)Konsum korrespondiert die Ausstattung der Wohnungen wie die (öffentliche) Gestaltung des Wohnumfelds (vgl. Knulst 1984). Da weiterhin die materielle Wohlstandssteigerung entsprechende Optionen eröffnet, »Privatheit« in immer kleineren Haushaltseinheiten zu realisieren, sind die Leistungskapazitäten der Haushalte für ein »Umsteigen« auf (wieder) stärkere Eigenproduktion beschränkt und nicht ohne weiteres durch individuelle Entscheidungen zu revidieren, hat doch die »erwerbsorientierte Organisierung des privaten Haushalts« (Rammert 1987) dessen Abhängigkeit von einem fortdauernd fließenden (Erwerbs-)Einkommensstrom gesteigert. Die Nutzung des immens gestiegenen Bestandes an Konsumtechnologien ist gebunden an monetäre Ressourcen zur Finanzierung der Energiekosten, der Kosten für die Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur (Grundgebühren), der Aufwendungen für Reparaturen und für die Beschaffung von Expertenwissen usw. Die eben beschriebenen Strukturveränderungen haben also die privaten Haushalte in eine »Modernisierungs- bzw. Kommerzialisierungsfalle« geraten lassen (Offe/Heinze 1986).
Wenn ausgedehnte erwerbsfreie Zeitkontingente also nur in Verbindung mit verbesserten Chancen zur Konsumausweitung ihre wohlfahrtssteigernde Potenz entfalten können, sich als solche jedoch nur begrenzt zur Ausgabensubstitution eignen, dann ist der Wohlfahrtswert von »Zeit« größer, wenn sie in der Erwerbsarbeit zur Erzielung von Einkommen eingesetzt wird bzw. werden kann. Es mag auch diese zunehmende Wohlfahrtsdifferenz in der Zeitverwendung dafür verantwortlich sein, daß aktuell die Präferenzen der beschäftigten Arbeitnehmer für kürzere Arbeitszeiten nicht sehr ausgeprägt sind und im langfristigen Vergleich ein immer geringerer Anteil des Verteilungszuwachses für Arbeitszeitverkürzungen und ein immer größerer für Einkommenssteigerungen verwandt wurde (vgl. Hinrichs 1988).
Knulst, W. P.: Een week tijd. Rapport van een onderzoek naar de tijdsbesteding van de Nederlandse bevolking in oktober 1975, in: Sociaal en Cultureel Planbureau, S.C.P.-Cahier No. 10, 's-Gravenhage. 1977.
Rammert, W.: Mechanisierung und Modernisierung des privaten Haushalts: Grenzen ökonomischer Rationalisierung und Tendenzen sozialer Innovation, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, Jg. 12 (1987), H. 4, S. 6-20.
Offe C.; Heinze, R. G.: Am Arbeitsmarkt vorbei. Überlegungen zur Neubestimmung 'haushaltlicher' Wohlfahrtsproduktion in ihrem Verhältnis zu Markt und Staat. In: Leviathan Jg. 14 (1986), S. 471-495.
Hinrichs, K.: Motive und Interessen im Arbeitszeitkonflikt. Eine Analyse der Entwicklung von Normalarbeitszeitstandards. 1988.
Offe, Claus; Heinze, Rolf G.: Organisierte Eigenarbeit. Das Modell Kooperationsring. Frankfurt a. M.: Campus 1990, S. 45-46.

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