(Freiburg/Berlin) In seinem Vortrag zur Transformation des Sozialstaats am 23.10.2010 an der Universität Freiburg argumentierte der Berliner Professor emeritus Claus Offe für das Grundeinkommen als Zukunftsprojekt. Der renomierte Soziologe, Politikwissenschaftler und Professor für Politische Soziologie an der Hertie School of Governance in Berlin gab Einblicke in seine jahrzehntelangen Forschungsarbeit, in seine Beratungstätigkeit für die OECD, beim Basic Income European Netzwerk sowie Einsichten über die Entwicklungen der Arbeitsgesellschaft.
Offe skizierte vier wesentliche sozio-ökonomische Problemlagen als gesellschaftliche Herausforderungen - insbesondere der Gesellschaften in der Euroäischen Union. Aus dieser Problemanalyse leitete der Soziologe vier wesentliche Anforderungen und Imperative an die Politik und politische Elite ab, die in den europäischen Staaten bisher sehr uneinheitlich und unstimmig angenommen worden sind. Die Ergebnisse der Lissabon Agenda von 1998 für 2010 bewertete Offe aufgrund dieser Situation und vor dem Hintergrund der selbstauferlegten Ziele hinsichtlich der Erwerbsbeteiligung der verschiedenen Bevölkerungengsgruppen Europas, als blamablen Misserfolg. Insbesondere die in Deutschland aus diesen Beschäftigungspolitischen Leitlinien folgende so genannten HARTZ IV-Gesetze stellen eine katastrophale Verhinderung bzw. Vernichtung von menschlichem Arbeitvermögen dar, weil die Möglichkeiten der Integration in das Erwerbsarbeits ideologisch geleitet überbewertet wurden und unter dem Primat des staatlichen Haushaltsausgleichs immer noch werden. Sozialstaatlich wichtige menschliche Arbeitsformen mit geringem oder nichtmonetärem Einkommen werden seither verstärkt systematisch ausgemerzt.
Für die Einführung eines individualisierten bedingungslosen Brürgereinkommens sprechen angesichts der Analyse und angesichts der anzunehmenden sozialen Pathologien die Gesellschaften mit großen Einkommensunterschieden nachweislich aufweisen, drei Argumente, die Offe näher erläutert: Gerechtigkeit, Freiheit und Funktionalität.
Zur Finanzierung schlug Offe eine sparbereinigte Konsumsteuer vor, die die Vorteile von direkten und indirekten Steuern kombiniert und mit der schrittweise und experimentell gesellschaftliche Wege für institutionalisierte bürgerrechtliche Zahlungsverhältnisse entwickelt werden können. Auf diesem Weg dürfen die Abwendung der weiteren sozialen Schäden und gleichermaßen eine weitere Emanzipation vom Erwerbs- und Wachstumszwang erwartet werden!
Ein erster Ansatz, ohne ein bedingungslose Grundeinkommen als Bürgerrecht von Null auf hundert einzuführen, könnte sein, bekannte statusbezogene Grundsicherungskonzepte schrittweise auf alle Bürger auszudehnen. Herauskommen könnte ein zeitlich begrenztes bedingungsloses existenzsicherndes Grundeinkommen für die Dauer von 6 Monaten, welches ein Bürger beispielsweise ab dem 30. Lebensjahr mehrmals, bis zu einer Gesamtzeit von beispielsweise 10 Jahren, beanspruchen kann. Dieses Verfahren knüpft an das Konzept vom akademischem Frei- oder Forschungssemester sowie an das Konzept des beamtenrechtlichen Sabbaticals an.
Das so organisierte bedingungslose Grundeinkommen ermöglichte somit wiederholte Lebensabschnitte mit Selbst-Erforschung und Potenzialentfaltung für die Entwicklung der neuen Arbeits- und neuen Wirtschaftskultur, die jeder wirklich wirklich will. Claus Offe schlug mit seinem Vortrag politisch den Bogen vom gegenwärtigen Arbeitsmissverständnis - mit zur Totalität tendierendem Erwerbs- und Wachstumszwang - zu Frithjof Bergmanns NeueArbeit-NeueKultur.
Freiburg im Breisgau, 24.11.2010 Jörg Beger
http://www.studiumgenerale.uni-freiburg.de/col-politicum/kontroverse-sozialstaat
http://www.hertie-school.org/content.php?nav_id=468
http://www.tele-akademie.de/begleit/ta060226.htm
http://www.basicincome.org/bien/
http://www.forum-neue-politik-der-arbeit.de/content/workshop/2008/offe.pdf
http://www.bepress.com/bis/vol3/iss1/art4/
http://www.ev-akademie-wittenberg.de/downloads2/download_216.pdf
Claus Offe:
1. „Die Folge wäre, dass am Arbeitsmarkt der Kern aller Freiheit, nämlich die Freiheit Nein zu sagen, zur Geltung gebracht würde.“
2. „Alle Bürger, nicht alle Arbeitenden und nicht alle Armen, sondern alle Bürger haben einen Anspruch, wie alle Bürger auch einen Anspruch auf Grundschulausbildung und auf Polizeischutz und Zugang zu Gerichten haben, das ist ganz selbstverständlich, das sind ja auch kostspielige Dinge.“
SWR Tele Akademie
Prof. Dr. Claus Offe: Zukunft ohne Arbeit?
Perspektiven für die Arbeit von morgen.
Sendezeit: So. 14.11.2004, 08:30h. Wdh. So. 26.02.2006, 8.30h.

Franz Nahrada 28.11.2010 10:52
Claus Offe habe ich 1997 in Zypern kennengelernt. Viel interessanter als alles was ich bis dato von ihm gehört hatte, viel farbiger als der Suhrkamp - Offe den ich kannte. Ich freue mich dass er aktiv und kreativ ist und dass sich dieser Kreis geschlossen hat!!
Jörg Beger 28.11.2010 15:46
Claus Offe ist einer derjenigen in Deutschland, die sich systematisch seit über 30 Jahren mit den gesellschaftlichen Ausprägungen von Arbeit und politischen Gestaltungen von Arbeitsformen auseinandersetzt - auch mit Eigenarbeitsmodellen bzw. -systemen. Claus Offe kritisierte offen seit Anbeginn die immanente "Infantilisierung" erwachsener Bürger im Rahmne des Vollzugs der Arbeitslosengeldbeziehung in Deutschland seit 2005 ("HARTZ IV"). Ich würde es sehr begrüßen, wenn der Berliner Kreis von NeueArbeit-NeueKultur mit Claus Offe in Austausch kommt - auch gemeinsam mit Frithjof Bergmann.
Jörg Beger 29.11.2010 14:09
Offe, Claus; Heinze, Rolf: Organisierte Eigenarbeit. Das Modell Kooperationsring. 361 Seiten. Campus: Frankfurt am Main, 1990. http://www.amazon.de/Organisierte-Eigenarbeit-Das-Modell-Kooperationsring/dp/3593341212
Jörg Beger 08.12.2010 13:43
Vor genau einem Monat hat der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages eine Petition beraten, mit der knapp 53.000 Bürger die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen erhoben haben. Auch in allen Parteien beraten Fachleute, ob das Grundeinkommen geeignet ist, das Sozialsystem einfacher und gerechter zu machen. Die Bundesregierung jedenfalls sieht aktuell keinen Anlass für eine völlige Umstrukturierung des Steuer-, und Transfer- und Sozialversicherungssystems, wie der parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Ralf Brauksiepe (CDU), im Petitionsausschuss verdeutlichte. Das bestehende Sozialsystem habe sich in der Krise bewährt. Das bedingungslose Grundeinkommen senke dagegen die Anreize zur Arbeitsaufnahme. Die Petentin Susanne Wiest hatte die Eingabe eingebracht. Sie hatte im Ausschuss vorgetragen, dass ihr Modell eines Grundeinkommens in Höhe von 1500 EUR pro Person das Steuerrecht vereinfache. Sie will das Grundeinkommen allein aus Konsumsteuern finanzieren. PhoenixTV: http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/ereignisse/thema:_grundeinkommen/342818
Jörg Beger 03.01.2011 12:58
bedingungsloses Grundeinkommen... - mit welchem - wessen - Geld - also mit welcher Prirität auf der politischen Agenda!!! http://www.youtube.com/watch?v=K2lKhiO5xi4&feature=related etwas kniffelig, möglicherweise.
Jörg Beger 03.01.2011 13:00
Der Sozialphilosoph Professor Dr. emerius Oskar Negt: http://www.youtube.com/watch?v=pd-55pnkzXU&NR=1
Jörg Beger 03.01.2011 13:09
Der Sozialphilosoph Andre Gorz über den kollabierenden Konsum und dent sinkenden Wert der warenproduzierenden Arbeit und eine Umsonst-Ökonomie http://www.youtube.com/watch?v=8dmr7o7B3_Q&feature=related
Jörg Beger 19.03.2011 15:53
Bedingungslos glücklich - Freiheit und Grundeinkommen Auch in einer Zeit, in der man die großen Utopien ad acta gelegt hat, treiben neue soziale Ideen die Menschen rund um den Globus an. Eine dieser Ideen ist das bedingungslose Grundeinkommen für alle Bürger eines Staates oder sogar alle Menschen weltweit. 3sat-Reportage vom 18.3.2011 in der Mediathek http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=22981&mode=play
Jörg Beger 24.03.2011 12:12
Clais Offe (2006): Jeder Jugendliche bekommt zu 18. Geburtstag ein kleines Vermögen geschenkt. In: http://www.brandeins.de/online-extras/dossiers/dossier/soziale-innovation/artikel/soziale-innovation-eine-serie-in-brand-eins-8.html
Jörg Beger 19.05.2011 17:06
Dazu aus Jobst Fiedler, Hertie School of Governance GmbH in Berlin http://www.youtube.com/watch?v=1_GYaCLh3iY&NR=1